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Noctula überquerte unermüdlich den Indischen Ozean und
steuerte nun von der Savanne herkommend auf den Regenwald zu. Nie zuvor sah sie
einen so weiten, schier endlosen Himmel und darunter gigantische
Affenbrotbäume, aus denen ein vielstimmiges Gezwitscher vom prallen Leben
sang. Erst im schwülen Dunkel der afrikanischen Nacht hörte Noctula
plötzlich Trommelschläge. Aber irgendwo aus dem Dickicht vernahm sie
auch bekannte Rufe. Die konnten nur von einer Verwandten stammen, der
Bindenfischeule Sanusa. Als Noctula sie fand, geriet sie in ein sonderbares
Treffen. Die große Sanusa hockte mit dem kleinen Perlkauz Timentus und
dem Woodfordkauz Facilius zusammen. Timentus wisperte gerade besorgt: "Afrika
ist ein Moloch des Sterbens", als die Maskeneule in das Gespräch platzte
Sie zupfte sich ihr Gefieder zurecht und begrüßte die drei etwas
verwundert. "Ich dachte, hier im Paradies der Vogelwelt würde es
fröhlicher zugehen." Sanusa und Timentus senkten bestürzt die Blicke.
Das Perlkäuzchen wandte sich sogar völlig ob und zeigte dem Gast nur
noch seine schwarzen Flecken am Hinterkopf, die wie ein Scheingesicht anmuteten
Schließlich durchbrach die Großeule das betretene Schweigen: "Wir
warten schon einige Tage und Nächte auf dich, Kundschafterin der Eulen aus
den Ländern des goldenen Lichts. Doch wir haben hier keinen guten Ort
für das letzte Korn der Weisheit zu bieten", erklärt Sanua
unumwunden. "Kriege haben die Menschen geschwächt, und eine bösartige
Seuche rafft ganze Jahrgänge dahin. Hör' nur, wie verzweifelt ihre
Trommeln klingen. Gestern flehten sie ratlos Ea-Enki, ihren Wasser- und
Weisheitsgott an. Und heute begehen sie im Dorf ein rituelles Fest, um die
alten Geister ihrer Ahnen zu befragen." Facilius schüttelte sich
respektlos. "Ich halte nichts von Orakeln. Ein afrikanisches Sprichwort besagt:
Wissen und Weisheit sind wie ein Garten, ohne Pflege gibt es keine Ernte."
"Ja", erregte sich Timentus, "und Sippen- wie Glaubenskämpfe führen
direkt ins Chaos." Noctula fröstelte und baute sich auf ihrem Rücken
wieder einen schrägen Buckel, als wollte sie alle Sorgen darin verstecken:
"Die Welt ist so schön und doch arg zerrissen. Werden wir Eulen jemals
einen menschlichen Hort für das Weisheitskorn finden?" Alte Zweifel nagten
an ihr.
Die Nacht ging und goldgelb färbte sich der Himmel mit dem
ersten Sonnenlicht. In den Morgengesang der Vögel mischte sich das
klangvolle Spiel eines Daumenklaviers. Timentus stieß Facilius an: "Sieh
nur, dort unten, die schwarze Schöne spielt wieder!" Die zwei bekamen
glänzende Augen. Noctula stichelte: "Ihr kommt aber leicht ins
Schwärmen." "Ach, was weißt du schon", ärgerte sich Facilius.
"Sie ist die erste junge Frau, die dieses Instrument beherrscht. Da das
Daumenklavier die Seelen der Ahnen ehrt und ihm Heilkraft zugesprochen wird,
war es den Frauen seit jeher strikt verboten, ihm Töne zu entlocken. Wir
sind einfach stolz auf diese Künstlerin, die aus sich selbst heraus mutig
uralte Fesseln abstreift. Noctula schmunzelte gerührt und sah in dem
Lichtblick Hoffnungsfunken. Auch für die Mission der Eulen. Für deren
Fortgang brauchte die Weitgereiste nicht um Ablösung zu bitten. Facilius
war schon bereit, das nächste Staffelstück übernehmen. Der kecke
Waldkauz mag einfach Menschen und wird furchtlos ihre Nähe suchen. Als es
dämmerte, brach der Eulenvogel Richtung Norden auf ... |